Brilmayer – Nieder-Saulheim

Der nachfolgende Beitrag wurde dem Buch „Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart (Geschichte der bestehenden und ausgegangenen Städte, Flecken, Dörfer, Weiler und Höfe, Klöster und Burgen der Provinz Rheinhessen nebst einer Einleitung) von Karl Johann Brilmayer, erschienen Gießen 1905, entnommen.

Nieder-Saulheim

Katholisches und evangelisches Pfarrdorf im Kreise Oppenheim, am Mühlbach, Station der Preußisch-Hessischen Staatsbahn, Linie Mainz-Alzey, hat 423 bewohnte Häuser und 2077 Einwohner, darunter 1549 Evangelische, 487 Katholiken und 41 Israeliten. Im Jahre 1815 betrug die Einwohnerzahl 1234.

Verwaltung

Das Dorf bildet eine Bürgermeisterei, ist Sitz eines katholischen und evangelischen Pfarramtes und gehört zum Amtsgericht Nieder-Olm und zum Steuerkommissariat Wörrstadt. Bezirkskasse Nieder-Olm, Untererhebstelle Nieder-Saulheim, Post in Nieder-Saulheim.

Kirche und Schule

Die evangelische Pfarrei, zu der die Evangelischen in Nieder-Olm als Filialisten gehören, liegt im Dekanat Mainz. Die katholische Pfarrei mit Kaplanei mit der Kirche zum hl. Bartholomäus mit 3 Altären liegt im Dekanat Gau-Bickelheim. Zur Pfarrei gehören als Filialisten die Katholiken aus dem 2,5 km entferten Udenheim. Auch die Katholiken von Ober-Saulheim, 1,5 km entfernt, sind der Pfarrei zugeteilt. Die Israeliten haben eine Synagoge.

Die Schule zählt 340 Kinder, welche, in 4 Klassen eingeteilt, von 4 Lehrern unterrichtet werden, von denen einer katholisch ist.

Gesundheitspflege

Ein Arzt hat im Orte seinen ständigen Wohnsitz.

Denkmal

Neben dem Rathause steht ein Kriegerdenkmal, eine Germania auf das Schwert gestützt, mit der Inschrift: „Zur Erinnerung an den Feldzug gegen Frankreich 1870-71“.

Gemarkung

Die Gemarkung ist 1332,86 Hektar (5331,44 Morgen) groß, darunter befinden sich 1101,45 ha Ackerfeld, 41,82 ha Wiesen, 142,79 ha Weinberge, 0,51 ha Wald und 10,89 ha Hofreiten. Der Weinbau ist bedeutend.

In der Gemarkung liegen ein 1,5 km von der Gemeinde entferntes Wirtshaus, das Nieder-Saulheimer Chausseehaus an der Pariser Straße, sowie zwei Mühlen, die Dickmühle, 1,5 km entfernt, und die Schleifstein-Mühle, 2 km entfernt.

Geschichtliches

Alte Nieder-Saulheimer AnsichtNieder-Saulheim gehört wie Ober-Saulheim zu den ältesten Orten Rheinhessens. Schon in den Stiftungsurkunden des Klosters Lorsch finden sich unter Pipin und Karl dem Großen zwischen den Jahren 763 und 801 nicht weniger wie 26 Schenkungen von Weinbergen und Ackerland in dem Orte Sauelheim und Sovelnheim im Wormsgau. Auch die Klöster Weißenburg und Fulda erhielten 774 Zuwendungen in Sauwilenheim. Zwischen Nieder- und Ober-Saulheim wird dabei kein Unterschied gemacht. Erst im Jahre 1200 findet sich Sauwelnheim minor, 1219 Sauwelnheim inferior, 1291 Savelnheim inferior, 1354 Nydernsauwilnheim. Im Jahre 1200 gehörte Nieder-Saulheim zu den Orten, welche verpflichtet waren, die Mauern und Gräben der Stadt Mainz unterhalten zu helfen.

Nieder-Saulheim war seit langer Zeit im Besitze von 7 Ganerben unter pfälzischer Oberhoheit. Diese Ganerben waren die Freiherrn von Wallbrunn, von Langwerth, von Hund, von Horneck, von Dienheim, von Haxthausen und von Vorster, von denen jeder abwechseln 2 Jahre das Hoheitsrecht ausübte.

Altes Geschlecht

Nach dem Orte nannte sich ein altes, bereits nach Anfang des 14. Jahrhunderts bekanntes, rheinländisches Adelsgeschlecht, das sich in sechs Linien geschieden hatte, nämlich: Erlenhaupt von Saulheim, Hund von Saulheim, Hirth von Saulheim, Kreis von Saulheim, Mohn von Saulheim und Salentin von Saulheim. Drei rote Halbmonde in silbernem Felde bildeten das Wappen der Familie. Es ist dies zugleich das Ortswappen und als solches am Rathause angebracht. Ob die Familie das Wappen von dem Ort oder umgekehrt der Ort das Wappen von der Familie angenommen hat, kann nicht mehr festgestellt werden. Im 18. Jahrhundert ist das Geschlecht erloschen.

Nieder-Saulheim blieb im Besitze der Ganerben bis zu den Wirren am Ende des 18. Jahrhunderts.

Kirchliches

Einer Kirche zu Nieder-Saulheim geschieht zum erstenmal Erwähnung im Jahre 1219. Damals überwies Erzbischof Siegfried II. von Mainz und sein Subdiakon und Kaplan Alatrinus, Propst zu St. Maria im Felde bei Mainz, dieser Kirche die Kirche in inferiori Sovelnheim, wozu im folgenden Jahre 1220 Papst Honorius III. seine Bestätigung erteilte. Die Kirche erscheint später als Pfarrkirche, sie war dem hl. Bartholomäus geweiht. Sie lag im Erzbistum Mainz, stand unter dem Archidiakonat zu St. Maria im Felde außerhalb Mainz und gehörte zum Dekanat Partenheim. Die Kirche hatte einen Muttergottes-Altar, welcher im Jahre 1311 von Peter, Ritter von Sauwilnheim, Berwelf, Edelknecht, Johannes, Diakon von Sauwilnheim und Kusa, Beguine daselbst mit Gütern zu Lörzweiler und Stadecken dotiert worden war. Ein zweiter dotierter Altar war der St. Antonius-Altar. Im Jahre 1427 präsentierte der Propst von St. Maria im Felde außerhalb Mainz den Barth. Hoin zum Altaristen dieses Altares und im Jahre 1507 fand ein Tausch der Benefizien zwischen den Altaristen des St. Antonius-Altares zu Nieder-Saulheim und des Muttergottes-Altares zu Nieder-Olm statt.

Infolge der Glaubensspaltung mußten die Katholiken den Lutheranern die Kirche überlassen. Im Reunionskrieg wurde von den Franzosen wieder ein katholischer Pfarrer eingesetzt und ihm das Pfarrhaus überlassen, während der lutherische nach Wörrstadt übersiedeln mußte. Zur Zeit der pfälzischen Kirchenteilung einigten sich die katholischen und lutherischen Ganerben dahin, daß allezeit ein katholischer und ein lutherischer Pfarrer im Orte und die Kirche gemeinschaftlich sein solle. Die Reformierten erhielten später eine eigene Kirche.

Das Simultanverhältnis zwischen Lutheranern und Katholiken löste sich auf, als die alte Kirche wegen Baufälligkeit im jahre 1830 abgebrochen werden mußte. Sie lag inmitten des Friedhofes. Derselbe war mit einer starken, mit Schießscharten versehenen, Mauer umgeben und lag so hoch, daß man, um auf denselben zu gelangen, 32 Stufen emporsteigen mußte. In der Kirche waren viele schöne Grabdenkmäler der benachbarten und der hier ansässigen Edelleute und Ganerben. Auch die frühere, sehr dürftige reformierte Kirche ging ein. Beim Abbruch der Simultankirche blieb das katholische Chor stehen und wurde zum katholischen Gottesdienste weiter benutzt bis 1839, wo Baron von Horneck sein herrschaftliches Haus den Katholiken schenkte, die es zur Kirche einrichteten. In den Jahren 1871-73 erbauten sich die Katholiken auf dem Platze der alten Simultankirche eine neue Kirche, welche sie wieder dem hl. Bartholomäus weihten. Im Turme hängen zwei Glocken. Die große hat die Inschrift: „Gegossen von A. Hamm in Frankenthal 1872. In honorem B. Virginis A Catholicis Parochianis Niedersaulheim in P. Memoriam R. D. Adami Motz Sacerd. Jubil. et Paroch. huj.“ Die Inschrift der kleinen lautet: „Gegossen durch Karl Otto in Mainz im Jahre 1844“. Darunter befindet sich das Bildnis des hl. Apostels Bartholomäus mit der Widmung: „Ecclesiae Catholicae in Nieder-Saulheim ex voto Donavit A. Motz Pro Temp. Paroch. Ibidem et. Dec. Decanatus Gau-Bickelheimensis Anno 1844“.

Im Jahre 1886 erbauten die Evangelischen neben der katholischen Kirche ebenfalls eine neue Kirche mit schlankem Turm. In demselben hängen 4 Glocken. Die größte, die Martinsglocke, trägt auf der Vorderseite das Bildnis Luthers mit der Unterschrift: „Dr. Martin Luther“ und der Inschrift: „Meister Andreas Hamm in Frankenthal goß mich im Jahre 1886 für die evangelische Gemeinde Nieder-Saulheim. Wachet, stehet im Glauben!“. Auf der Rückseite befindet sich das Nieder-Saulheimer Wappen. Die zweite Glocke, die Friedrichsglocke, hat die Inschrift des Gießers Hamm und den Spruch: „Danket dem Herrn“. Sie ist geziert mit dem Bildnis Friedrichs III., Kurfürst von der Pfalz. Auf der Rückseite befindet sich das Nieder-Saulheimer Wappen. Die dritte Glocke, die Philippsglocke, hat den Spruch: „Haltet an im Gebet“ und das Bildnis Philipps des Großmütigen mit der Unterschrift: „Philipp der Großmütige, Herzog von Hessen“. Auf der Rückseite ist das Nieder-Saulheimer Wappen. Sie wurde ebenfalls 1886 von And. Hamm in Frankenthal gegossen. Die kleinste Glocke hat die Inschrift: „Andreas Hamm Sohn in Frankenthal goß mich im Jahre 1902“, dann folgt der Name des Stifters. Auf der Rückseite steht: „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“.

Altes Rathaus

Bemerkenswert ist das alte Rathaus, welches über der Eingangstüre die Jahreszahl 1571 und das Nieder-Saulheimer Wappen trägt. Im Türmchen hängt eine kleine Glocke mit der Inschrift: „Maria heiß‘ ich anno XVCXV“. Sie ist geschmückt mit dem Bildnis der schmerzhaften Mutter-Gottes, die ihren Sohn nach der Abnahme vom Kreuze auf dem Schoße hält. Die Inschrift darunter ist unleserlich.